Warum Stillstand Vorstände verwundbar macht
Digitale Souveränität im Unternehmen
Digitale Souveränität entscheidet darüber, ob Unternehmen in kritischen Situationen gestalten oder nur reagieren können. Sie reduziert Risiken aus Lieferketten, Cloud-Abhängigkeiten und Compliance – vorausgesetzt, sie wird als Führungsthema verankert und nicht als isoliertes IT-Projekt behandelt. Vier Führungsprinzipien und eine ehrliche Standortbestimmung bilden dafür den Einstieg.
„Wenn Sie heute Ihren Anbieter für ein zentrales System wechseln müssten, wie schnell wären Sie wieder einsatzbereit?“ - Das ist eine unbequeme Frage. Aber eine, die sich Unternehmen stellen sollten, bevor es ihr Umfeld, ein Regulierer oder ein Sicherheitsvorfall für sie tut. Und es ist nur eine von vielen Fragen, die im Zusammenhang mit digitaler Souveränität wichtig sind. Gerade wenn Unternehmen vor konkreten Entscheidungen zu ihrer Architektur stehen, sollten Souveränitätsaspekte systematisch mitgedacht werden. Dann bietet sich die Chance, ein laufendes Vorhaben zum Ausgangspunkt für mehr digitale Souveränität zu machen – und das Thema Schritt für Schritt im Unternehmen zu verankern.
Digitale Souveränität: Erkenntnis in den Vorständen, Abhängigkeit in der Praxis
In den Führungsetagen deutscher Unternehmen offenbart sich laut aktuellen Studien ein klares Dilemma. Die Bedeutung digitaler Souveränität wird zwar erkannt und als erfolgskritischer Faktor für das eigenen Unternehmen eingestuft (Quelle: ZEW im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz). Gleichzeitig zeigen Erhebungen des Branchenverbands bitkom substanzielle Abhängigkeiten:
- 90 Prozent der Unternehmen sind von Anbietern oder Partnern aus dem Ausland abhängig (Quelle: bitkom)
- Fast zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland wären ohne Cloud-Dienste handlungsunfähig (Quelle: bitkom)
Digitale Souveränität ist damit kein abstraktes Zukunftsthema, sondern ein sehr konkreter Risikofaktor für Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsketten und die Unternehmenssteuerung.
Warum stockt die Umsetzung digitaler Souveränität in vielen Unternehmen?
Wir beobachten im Alltag häufig folgendes Phänomen: Vorstände und Geschäftsführung bekennen sich zur digitalen Souveränität, greifen im konkreten Anwendungsmoment aber zum alten, vertrauen Weg. Ein theoretisches Bekenntnis trifft auf ein praktisches „Das haben wir schon immer so gemacht“.
Das scheint nachvollziehbar: Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Kosten- und Zeitdruck, regulatorische Unsicherheit sowie gewachsene Strukturen machen Veränderungen deutlich komplexer, als es Strategiepräsentationen vermuten lassen. Ein zusätzlicher Hemmschuh ist, dass digitale Souveränität häufig als eigenes Großprojekt verstanden wird – als „zusätzliche Baustelle“ neben ohnehin laufenden Transformations- und Effizienzprogrammen.
Dabei kann ein wirkungsvoller Ansatz darin bestehen, digitale Souveränität gezielt an bestehende Vorhaben, Neuausrichtungen und Change-Projekte im Unternehmen anzudocken, statt sie isoliert zu behandeln. Steht beispielsweise die Entscheidung zu einer Cloud-Migration an, können souveräne Varianten mit einem moderaten Mehraufwand umgesetzt werden – wenn digitale Souveränität von Beginn mitgedacht wird. Gleichzeitig entsteht so ein Referenzprojekt für weitere Schritte zu mehr Souveränität.
Praxisbeispiele: Wenn fehlende digitale Souveränität teuer wird
Digitale Souveränität entscheidet darüber, ob ein Unternehmen im Ernstfall gestalten oder nur noch reagieren kann. In der Praxis sind typische Muster zu beobachten:
Starke Bindungen an proprietäre Dienste: Datenbanken, Message Queues oder Analytics-Plattformen, die sich nur schwer oder gar nicht ersetzen lassen – obwohl auch souveräne Alternativen existierten.
Fehlende Exit-Strategien: Keine dokumentierten Migrationspfade für den Fall, dass ein Anbieter (z.B. Lieferketten-Dienstleister, aber auch Hyperscaler) ausfällt oder gewechselt werden muss.
Unklare Verantwortlichkeiten: Bei Datenhaltung und Incident Management (insbesondere im Outsoucing-Umfeld) ist im Ernstfall oftmals unklar, wer wo welche Entscheidungen zu treffen hat.
Fehlende Wirksamkeitsprüfungen: Eine zugesicherte Konformität der Compliance im Dienstleister-Vertrag, ist keinesfalls ein Garant für reale Sicherheit und wirksame Resilienz.
Diese Muster können in der Praxis schneller zum Problem werden als gedacht. Zwei Beispiele machen das greifbar.
Beispiel 1: Proprietäre Software als Kosten- und Flexibilitätsfalle
Ein Hidden-Champion der Automobilzulieferindustrie nutzt eine spezialisierte Software für seine Produktionssteuerung. Alles funktioniert reibungslos – bis der Anbieter ohne Vorwarnung sein Preismodell ändert und den Support für ältere Versionen einstellt. Die Folgen:
- Kostenexplosion: Das Unternehmen ist gezwungen, kurzfristig hohe Summen zu investieren oder unter enormem Druck nach Alternativen zu suchen.
- Eingeschränkte Handlungsfähigkeit: Die proprietäre Architektur macht eine Migration ohne massiven Aufwand praktisch unmöglich.
- Produktionsverzögerungen: Kritische Updates sind nur noch über teure Serviceverträge verfügbar; dadurch kommt es zu Softwareproblemen, die den Produktionsprozess beeinträchtigten.
Beispiel 2: Externer Dienstleister als unerkannte Schwachstelle
Ein führender Maschinenbauer für Industrieanlagen betraut einen externen IT-Dienstleister mit der Verwaltung seiner Cloud-basierten Datenplattform. Erst durch einen internen Auditprozess wird aufgedeckt, dass vertrauliche Produktdetails und Kundeninformationen über unzureichend gesicherte Schnittstellen abrufbar sind.
- Unbemerkte Dateneinsicht: Der Dienstleister hat Zugriff auf kritische Unternehmensdaten, wobei das genaue Ausmaß nicht vollständig nachvollziehbar ist.
- Regulatorische Risiken: Verstöße gegen Datenschutz- und Exportkontrollvorschriften drohen, da die Daten teilweise ohne explizite Genehmigung außerhalb der EU gespeichert werden.
- Schwachstellen in der Lieferkette: Der IT-Dienstleister nutzt Subunternehmen in Drittstaaten, wodurch sich die Sicherheitsrisiken vervielfachen.
Digitale Souveränität ist also kein theoretisches IT-Risiko, sondern eine Frage der unternehmerischen Handlungsfähigkeit. Deswegen ist sie auch kein IT-Thema. Sie ist ein Führungsthema.
Was bedeutet digitale Souveränität wirklich für Unternehmen?
Digitale Souveränität ist kein Endzustand, sondern die Fähigkeit, Risiken wirksam zu managen. Souveränität bedeutet in diesem Verständnis nicht, um jeden Preis Autarkie zu erreichen, sondern Abhängigkeiten bewusst einzugehen, zu begrenzen und im Zweifel Anpassungen vornehmen zu können. Denn absolute Unabhängigkeit ist unrealistisch, Steuerbarkeit jedoch umsetzbar.
Um diese Steuerbarkeit zu erreichen, braucht es eine klare Management-Haltung, an der sich das gesamte Unternehmen ausrichten kann. Nur wenn diese Haltung auf Vorstandsebene definiert ist, können alle Beteiligten systematisch daran arbeiten, das Unternehmen digital souverän aufzustellen. Hilfreich ist es, dafür klare Prinzipien zu formulieren:
- Sie ermöglichen konsistente Entscheidungen unter Unsicherheit.
- Sie schaffen eine gemeinsame Grundlage über Bereiche, Funktionen und Standorte hinweg.
- Sie verhindern, dass Lösungen eingeführt werden, ohne ihre Auswirkungen auf Souveränität und Resilienz zu prüfen.
Vier Führungsprinzipien für steuerbare Entscheidungen
Aus unserer Sicht sind es vier Prinzipien, die in der Praxis den Unterschied machen, wenn digitale Souveränität systematisch aufgebaut werden soll.
- Steuerbarkeit vor Bequemlichkeit
Entscheidungen sollten so getroffen werden, dass Optionen offen und die Organisation flexibel bleibt. Das gilt auch dann, wenn der vertraute Weg kurzfristig einfacher erscheint. Die Bequemlichkeit von heute darf morgen nicht zur Blockade werden.
- Echte Kontrolle statt Compliance auf dem Papier
Richtlinien, Policies und Governance-Strukturen genügen nicht, wenn ihre Wirksamkeit nicht belegt werden kann. Entscheidend ist, ob Kontrollen greifen, Verantwortliche handeln und Risiken tatsächlich reduziert werden – nicht, ob Dokumente vorhanden sind.
- Vorbereitet sein auf Veränderungen
Alternativen sollten definiert, bewertet und technisch wie organisatorisch durchdacht werden, solange es ruhig ist, nicht erst im Krisenfall. Wer Exit-Szenarien, Migrationspfade und Fallback-Optionen frühzeitig plant, gewinnt im Ernstfall wertvolle Zeit und Handlungsfreiheit.
- Technologie folgt Haltung
Technologien, Plattformen und Architekturen sollten konsequent der zuvor festgelegten Haltung zur digitalen Souveränität folgen. Menschen, Rollen und Prozesse müssen zuerst befähigt werden – Resilienz ist keine Frage einzelner Tools. Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege sollten klar sein, bevor in Technologie investiert wird.
Wie gelingt der erste Schritt zu Digitaler Souveränität?
Auf Führungseben wird für Digitale Souveränität eine klare Haltung benötigt. Doch Haltung allein reicht nicht aus. Bevor Unternehmen handeln können, benötigen sie eine ehrliche Standortbestimmung: Wo stehen wir wirklich? Wo sind die blinden Flecken? Welche Risiken bestehen – insbesondere in kritischen Prozessen, Infrastrukturen und Lieferketten? Welche Optionen haben wir kurz-, mittel- und langfristig?
Ein strukturiertes Lagebild schafft Transparenz über Abhängigkeiten, Steuerbarkeit und Prioritäten. Es ermöglicht, belastbare Entscheidungen vorzubereiten, ohne in Aktionismus zu verfallen.
Wie eine solche Standortbestimmung konkret funktioniert, welche Dimensionen sie beinhaltet und welche Fragen Sie sich dabei stellen sollten, zeigen wir im zweiten Beitrag dieser Serie.
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