Digitale Souveränität Quick Check

Standortbestimmung und Quick Wins

Souverän wird, wer weiß, wo er steht: Standort bestimmen, Zielbild definieren, handlungsfähig bleiben.

Die Anforderungen an digitale Souveränität steigen durch neue regulatorische Vorgaben. Resilienz wird Pflicht. Eine systematische Standortbestimmung entlang der fünf Dimensionen Technologie, Operations, Daten, Kompetenzen und Regulatorik schafft Entscheidungsfähigkeit und reduziert Abhängigkeiten. Wird der Fokus auf pragmatische Schritte gelegt, können schnelle und messbare Fortschritte erzielt werden.

Digitale Souveränität entwickelt sich in Deutschland zu einem zentralen Faktor verantwortungsvoller Unternehmenssteuerung. Denn regulatorische Vorgaben wie NIS-2, DORA und die deutsche KRITIS-Verordnung fordern robustere Sicherheitsmaßnahmen. Besonders Unternehmen in regulierten Branchen und Betreiber kritischer Infrastrukturen stehen vor der Aufgabe, Resilienz nachweisbar zu machen, Abhängigkeiten aktiv zu steuern und im Zweifel belastbar zu begründen.

Der Nachweis kontrollierter digitaler Infrastrukturen ist damit kein „Nice to Have“ mehr, sondern eine Pflicht – regulatorisch wie marktseitig. Auch Kundschaft, Partner und Kapitalmarkt erwarten belastbare Antworten auf die Frage nach Notfall- und Exit-Strategien, Dienstleistersteuerung und Datenportabilität. Digitale Souveränität bietet einen Rahmen, um diese Anforderungen mit der notwendigen unternehmerischen Freiheit zu verbinden.

Im ersten Teil unserer Serie lag der Fokus auf der Frage, warum Stillstand in Sachen digitaler Souveränität Vorstände verwundbar macht (LINK). Dieser zweite Teil widmet sich dem „Wie“: Im Mittelpunkt stehen die systematische Erfassung der Ausgangslage im Unternehmen und der Aufbau von Momentum durch pragmatische, priorisierte Schritte.

Ihr Ansprechpartner

Weber, Bernhard

Bernhard Weber

Principal IT Consultant

Systematische Standortbestimmung als Ausgangspunkt digitaler Souveränität

Digitale Souveränität entsteht nicht über Nacht. Sie beginnt mit einer ehrlichen Standortbestimmung und setzt sich mit konsequenten, gut priorisierten Entscheidungen fort. Nur wer weiß, wo er steht, kann seine Handlungsfähigkeit auch in kritischen Situationen sichern. Ein vollständiges Bild zur digitalen Souveränität eines Unternehmens berücksichtigt fünf Dimensionen:

  1. Technologie: Technische Abhängigkeiten und kritische Systeme
     
  2. Operations: Steuerbarkeit von Prozessen und Dienstleistern
     
  3. Daten: Speicherort, Zugriffsrechte und Portabilität
     
  4. Kompetenzen: Know-how und Entscheidungsfähigkeit in Schlüsselrollen
     
  5. Regulatorik: Nachweisbare Erfüllung regulatorischer Anforderungen

Diese fünf Dimensionen greifen ineinander. Technische Souveränität nützt wenig, wenn operative Prozesse nicht funktionieren. Datenhoheit bleibt abstrakt, wenn die Kompetenzen fehlen, sie durchzusetzen. Gleichzeitig ist eine Standortbestimmung kein einmaliges Projekt: Abhängigkeiten verändern sich, neue Technologien kommen hinzu, Regularien entwickeln sich weiter. Eine regelmäßige Überprüfung ist daher Teil einer souveränen Haltung.

Fünf Dimensionen der digitalen Souveränität im Überblick

Technische Abhängigkeiten entstehen häufig schleichend: durch proprietäre Datenbanken, exklusive APIs, komfortable Plattformdienste oder fehlende Export- und Audit-Rechte. Im laufenden Betrieb wirkt das harmlos – bis sich Rahmenbedingungen ändern, ein Anbieter Preise erhöht, ein Service gekündigt wird, ein Rechtsraum riskant wird oder ein Betreiberwechsel ansteht.

Zentrale Fragen:

  • Welche Systeme und Plattformen sind geschäftskritisch?
  • Wie stark besteht eine Bindung an proprietäre Technologien?
  • Gibt es dokumentierte Alternativen und Migrationspfade?
  • Liegt ein Wiederanlaufplan für den Ausfall zentraler Systeme vor?

Eine strukturierte Analyse dieser Punkte macht sichtbar, wo technologische Abhängigkeiten in echte Geschäftsrisiken umschlagen können und wo gezielte Maßnahmen die Steuerbarkeit stärken.

Operative Souveränität bedeutet, im Ernstfall nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch handlungsfähig zu sein. Dies ist eine Management- und Organisationsleistung: Rollen, Eskalationswege, Kommunikationslinien und Übungsroutinen müssen im Zusammenspiel funktionieren.

Zentrale Fragen:

  • Sind Rollen und Verantwortlichkeiten für kritische Prozesse dokumentiert?
     
  • Bestehen erprobte Notfallpläne für den Ausfall zentraler Systeme oder Dienstleister?
     
  • Wie hoch ist die Abhängigkeit von einzelnen Dienstleistern oder Subunternehmern?
     
  • Können Alternativen im Ernstfall schnell aktiviert werden?
     
  • Wie transparent sind Lieferketten und Dienstleisterbeziehungen?

Ein klar definierter operativer Rahmen erhöht die Resilienz und reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass technische Probleme durch mangelnde Organisation eskalieren.

Unternehmen benötigen volle Transparenz und Kontrolle darüber, was mit ihren Daten geschieht. Fehlende Klarheit führt zu Compliance-Risiken und erschwert eine vertrauenswürdige Zusammenarbeit – etwa in Ökosystemen oder bei der Nutzung von KI-Anwendungen. Datensouveränität umfasst die Klassifikation sensibler Daten, die Schlüsselhoheit, z. B. über ein eigenes Key‑Management, klare Rollen- und Rechtekonzepte sowie vertragliche Regelungen zu Gerichtsbarkeit, Datenlokation und Subdienstleistern.

Zentrale Fragen:

  • Wo werden Daten, inklusive Metadaten und Logs, physisch gespeichert?
     
  • Welche Daten unterliegen welchen rechtlichen Rahmenbedingungen (z. B. DSGVO, Exportkontrolle)?
     
  • Wer hat technisch und rechtlich Zugriff auf die Daten – direkt oder indirekt (z. B. Cloud-Anbieter, Subunternehmer)?
     
  • Können Daten vollständig und in nutzbaren Formaten exportiert werden?
     
  • Sind Datenflüsse zwischen Systemen dokumentiert und nachvollziehbar?

Ein hoher Grad an Datensouveränität stärkt nicht nur Compliance, sondern auch die Fähigkeit, Technologien und Partner flexibel zu wählen.

Technologie und Prozesse sind nur so gut wie die Menschen, die sie steuern. Deswegen ist digitale Souveränität kein reines Tool-Thema, sondern eine Frage von Kompetenzen in Management und Schlüsselrollen. Führungsteams benötigen ein aktuelles Verständnis von Cloud‑, Sicherheits- und Governance‑Themen. Sie müssen in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, Prioritäten zu setzen und Mitarbeitende zu befähigen.

Zentrale Fragen:

  • Welches Wissen wird in-house benötigt, um kritische Systeme selbst zu betreiben oder zu migrieren?
     
  • Besteht ein klares Verständnis der Vertragskonstellationen und rechtlichen Rahmenbedingungen?
     
  • Sind Teams in der Lage, Alternativen zu bewerten und umzusetzen?
     
  • Wie werden Mitarbeitende zu Souveränitäts- und Resilienzthemen geschult?
     
  • Ist Zugang zu externem Fachwissen gesichert, wenn internes Know-how nicht ausreicht?
     
  • Ist Wissen dokumentiert oder bestehen Abhängigkeiten von einzelnen Personen?

Kompetenzaufbau in diesen Bereichen erhöht die Qualität von Investitions- und Technologieentscheidungen und reduziert strategische Lock-in-Risiken.

In vielen Unternehmen wird faktisch ein Teil des Risikomanagements an IT-Dienstleister delegiert. Verantwortung lässt sich jedoch nicht delegieren. Unternehmen müssen die Steuerbarkeit von Dienstleistern sowie Melde- und Auditfähigkeit gewährleisten. Neue regulatorische Entwicklungen rücken zudem die Wirksamkeit und deren Nachweis in den Vordergrund: Es zählt weniger, ob Policies existieren, sondern ob implementierte Maßnahmen funktionieren.

Zentrale Fragen:

  • Welche regulatorischen Anforderungen gelten (z. B. DSGVO, NIS2, DORA, Exportkontrolle)?
     
  • Lässt sich belegen, dass diese Anforderungen erfüllt werden?
     
  • Existieren dokumentierte und getestete Exit-Strategien und Notfallpfade?
     
  • Sind Verträge so gestaltet, dass im Bedarfsfall die Handlungsfähigkeit gewahrt bleibt?
     
  • Wie schnell kann auf regulatorische Änderungen reagiert werden?

Eine hohe regulatorische Souveränität reduziert Haftungsrisiken und stärkt die Glaubwürdigkeit gegenüber Aufsicht, Eigentümern und Öffentlichkeit.

Kleine Schritte, große Wirkung: Digitale Souveränität ins Handeln bringen

Die fünf Dimensionen liefern ein realistisches Lagebild zur digitalen Souveränität. Gleichzeitig offenbart eine solche Analyse häufig hohe Komplexität: Fortschritte scheinen schwer zu erzielen, die Hürde für strukturelle Anpassungen hoch. In dieser Situation helfen pragmatische Schritte, um Momentum aufzubauen und erste Erfolge sichtbar zu machen.

1. Auf Quick Wins fokussieren

Gerade zu Beginn sollte der Fokus auf Maßnahmen liegen, die schnell Wirkung zeigen und Risiken merklich reduzieren, ohne gleich ganze Architekturen umzubauen. Beispiele für Quick Wins:

  • Überprüfung und Nachschärfung bestehender Verträge, um Export- und Audit-Rechte klar zu regeln und Transparenz über Subdienstleister herzustellen.
  • Überprüfung kritischer Konfigurationen, insbesondere Identitäten und Zugriffsrechte, mit dem Ziel, Berechtigungen auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren.
  • Simulation eines zentralen Notfallszenarios, um Isolation, Umschalten und Wiederanlauf realitätsnah zu testen.

Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern erste, belegbare Schritte zu mehr Steuerbarkeit – damit eine belastbare Grundlage für weitere Entscheidungen geschaffen wird.

2. Leitplanken sichtbar machen

Eine wesentliche Grundlage für die Weiterentwicklung der digitalen Souveränität ist die Definition unternehmensweiter Leitplanken. Sie sorgen dafür, dass Entscheidungen über Bereiche, Projekte und Zeit hinweg konsistent getroffen werden. Typische Leitplanken könnten Kriterien zu Abhängigkeiten, zur Exit-Fähigkeit und Auditierbarkeit von Lösungen oder Anforderungen an die Portabilität und Datenhoheit von Architekturen sein. Wer diese Prinzipien knapp und verbindlich festhält, mit dem Management abstimmt und im Unternehmen verankert, setzt einen wichtigen Impuls für weitere souveräne Schritte.

3. Entscheidungen strukturieren

Auf Basis der definierten Leitplanken empfiehlt es sich, Mitarbeitenden einen klar definierten Entscheidungsprozess an die Hand zu geben. Dazu gehören Mindestkriterien, die bei jeder relevanten Entscheidung erfüllt sein müssen, eine Entscheidungsvorlage, die Souveränitätsaspekte gezielt abfragt, und klare Vorgaben zur Dokumentation von Risiken, Abwägungen und Ergebnissen, sodass diese für spätere Reviews, Audits oder künftige Anpassungen nachvollziehbar sind. Ein solcher Entscheidungsrahmen ermöglicht es, digitale Souveränität konkret zu berücksichtigen und dabei sowohl schnell als auch sorgfältig vorgehen zu können.

Fazit: Vom Lagebild zur steuerbaren digitalen Souveränität

Digitale Souveränität entsteht nicht durch Absichtserklärungen, sondern durch fundierte Analysen, strukturierte Entscheidungen und eine konsequente Umsetzung. Eine ehrliche Standortbestimmung macht sichtbar, welche Risiken den größten Business Impact haben und welche Gegenmaßnahmen den höchsten Hebel besitzen. Auf dieser Grundlage entstehen klare Entscheidungspfade: nicht „alles neu“, sondern „gezielt steuerbar“. Investitionen können priorisiert, Abhängigkeiten bewusst gestaltet und regulatorische Anforderungen mit unternehmerischer Flexibilität in Einklang gebracht werden.

Als Management- und Transformationsberatung unterstützen wir Unternehmen dabei, digitale Souveränität systematisch aufzubauen. Gemeinsam entwickeln wir ein übersichtliches Lagebild, priorisieren Risiken, formulieren ein Zielbild sowie eine klare Roadmap mit Quick Wins und langfristigen Initiativen.

Quick Check digitale Souveränität: Erste Positionsbestimmung im Überblick

Sie möchten unmittelbar eine erste Positionsbestimmung vornehmen? In unserem Quick Check zur digitalen Souveränität erhalten Sie durch die Bewertung von 16 zentralen Aussagen eine erste Einschätzung Ihrer aktuellen Situation inklusive Impulse unserer Expertinnen und Experten. Wenn Sie diese Standortbestimmung zunächst vertraulich spiegeln möchten, melden Sie sich gerne bei uns.

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